Zum Hauptinhalt springen

Hitze-Hölle bei der Tour de France: Forscher fordern Verlegung in den Frühling

Pogacar kühlt sich mit Wasser ab
Pogacar kühlt sich mit Wasser abAnne-Christine POUJOULAT / POOL / AFP / Profimedia

Die Tour de France ächzt unter den Extrembedingungen des Klimawandels. Angesichts lebensgefährlicher Temperaturen von über 40 Grad im Schatten fordern Klimaforscher und Radprofis ein radikales Umdenken von den Organisatoren und dem Weltverband UCI. Die traditionellen "Sommerjungs" auf dem Rad könnten schon bald der Vergangenheit angehören.

Der fortschreitende Klimawandel verwandelt das größte Radrennen der Welt zunehmend in eine gesundheitliche Zerreißprobe. Auf der jüngsten Etappe nach Foix wurden im Schatten 41 Grad gemessen – der heißeste Renntag in der Geschichte der Tour de France. Red-Bull-Profi Nico Denz klagte anschließend, dass gesund definitiv anders sei, während Olympiasieger Tom Pidcock die Strecke sogar mit einem Kriegsgebiet verglich. Für die Betreuer der Teams bedeutete die extreme Glut Schwerstarbeit: Eiswesten, tonnenweise Eiswürfel und Hektoliter an Wasser kamen zum Einsatz, um die Athleten vor dem Kollaps zu bewahren. Topstar Tadej Pogačar bezeichnete die Organisation rund um die Kühlung als logistischen Albtraum.

Wissenschaftliche Rückendeckung für die Sorgen der Fahrer liefert eine aktuelle Untersuchung des Pariser Instituts für Entwicklung. Der Klimaforscher Benjamin Sultan, Co-Autor einer Studie über 50 Tour-Jahre, erklärte, dass die Hitzebelastung vor allem an den Etappenorten im Süden massiv zugenommen habe. Dass in den vergangenen Jahren extrem kritische Tage ausblieben, sei reiner Zufall gewesen. Aus klimatischer Sicht fordert Sultan deshalb eine drastische Maßnahme: "Aus klimatischer Sicht wäre eine Austragung im Frühjahr die beste Option, um die Risiken für Radfahrer, Mitarbeiter und Zuschauer zu reduzieren."

Kritik an Startzeiten und der Umgang mit der Fahrergesundheit

Neben einer generellen Verlegung des Drei-Wochen-Rennens rücken auch die täglichen Abläufe in den Fokus der Kritik. Der Italiener Matteo Trentin bemängelte die aktuelle Zeitplanung der Etappen offen. Er forderte ein Überdenken der Organisation und merkte an: "Vielleicht ist es keine schlaue Idee, die Etappen um 12.00 Uhr unter praller Sonne zu starten." Durch den späten Beginn fällt das emotionale Etappenfinale regelmäßig in die späten Nachmittagsstunden, wenn die Temperaturen ihren absoluten Höchstwert erreichen. Ralph Denk, Teamchef von Red Bull, zeigte sich zwar offen für Lösungen, sah die Verantwortung jedoch primär bei der UCI und dem Veranstalter ASO. Er betonte, dass die Teams letztlich nur diejenigen seien, die mitmachen.

Wie gefährlich das Fahren am Limit bei Extremtemperaturen sein kann, zeigt der Blick in die Historie: Vor genau 59 Jahren brach der Brite Tom Simpson in der mörderischen Hitze des Mont Ventoux tot zusammen. Auch wenn damals Doping im Spiel war, ist die Sensibilität für das Thema heute so hoch wie nie. Entsetzen löste in diesem Zusammenhang das Team Movistar aus, das den kränkelnden Belgier Cian Uijtdebroeks trotz Fiebers in die Gluthitze schickte. Konkrete Lösungen für die Zukunft sind allerdings komplex: Ein Start im Frühjahr scheitert oft am Schnee auf den hohen Alpenpässen, während Frühmorgens-Etappen an den Interessen der TV-Vermarkter vorbeigehen. Emilio Magni, Chefarzt des Teams Astana, mahnte deshalb an, dass man nicht nur aktiv werden müsse, um den Körper herunterzukühlen, sondern vor allem auch den Planeten.