Lucas Digne: Spätes Glück als unumstrittener Stammspieler bei einem großen Turnier

Lucas Digne hat sich in der "Équipe tricolore" endlich festgespielt.
Lucas Digne hat sich in der "Équipe tricolore" endlich festgespielt.Reuters

Mit 32 Jahren und nach zwei verpassten Weltmeisterschaften erlebt Lucas Digne endlich das, was ihm im Trikot der Équipe Tricolore noch nie vergönnt war: der Status des Stammspielers bei einem großen Turnier. Seit Beginn der K.-o.-Phase hat sich der Linksverteidiger von Aston Villa vor Théo Hernandez festgebissen. Nun bereitet er sich darauf vor, am Samstag in Philadelphia im Viertelfinale gegen Paraguay sein zweites K.-o.-Spiel in Folge von Beginn an zu bestreiten.

Dignes bisherige Turniergeschichte las sich wie eine Chronik des verpassten oder unvollständigen Glücks. In Brasilien 2014 – damals noch als 20-jähriges Talent aus Lille – durfte er nur im bedeutungslosen dritten Gruppenspiel gegen Ecuador ran. Zwei Jahre später, bei der Heim-EM 2016, gehörte er zu den drei Feldspielern, die keine einzige Sekunde auf dem Platz standen. Auch 2021 lief es unglücklich: Nach der Verletzung von Lucas Hernandez gegen Portugal eingewechselt, musste Digne selbst nur sechs Minuten später verletzt wieder vom Feld. Die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 verpasste er komplett. Vor der aktuellen Endrunde in den USA standen für ihn magere 186 Einsatzminuten bei großen Turnieren zu Buche.

Der Wendepunkt folgte im September 2024. Zwei Jahre nach seinem letzten Länderspiel holte Didier Deschamps den Routinier zurück – und wurde belohnt. Am 17. November 2024 avancierte Digne beim Nations-League-Erfolg in Mailand gegen Italien zum Matchwinner: Er war an allen drei Toren direkt beteiligt, lieferte zwei Vorlagen für Adrien Rabiot und zwang den italienischen Keeper mit einem genialen Freistoß zu einem Eigentor. Guy Stéphan, Deschamps' Co-Trainer, schwärmte: "Er steht defensiv extrem stabil und bringt bei Flanken und Standards eine enorme Qualität mit. Sein linker Fuß ist eine absolute Waffe."

Das Pendel schlägt um: "Er ist immer zur Stelle"

Seither lieferten sich Digne und Théo Hernandez ein enges Duell auf der linken Außenbahn. Deschamps betonte stets die Komplementarität der beiden: Hernandez steht für unbändigen Offensivdrang, Digne für defensive Balance. Doch das Gleichgewicht hat sich verschoben. "Wenn Lucas nominiert wird, liefert er ab", stellte Guy Stéphan schon vor der WM klar und lobte die größere Konstanz des Aston-Villa-Profis. Hernandez, der inzwischen bei Al-Hilal in Saudi-Arabien spielt, konnte sein Top-Niveau aus der Katar-WM nicht mehr halten.

In den USA rotierte Deschamps anfangs noch: Auf ein Startelfmandat gegen den Senegal (gemeinsam mit Doué) folgte gegen den Irak die Bank, wo Barcola und Hernandez den Vorzug erhielten. Gegen Norwegen kehrte Digne zurück. Zum echten Showdown kam es im Achtelfinale gegen Schweden: Deschamps setzte voll auf Digne und stellte ihm Barcola an die Seite – ein taktischer Volltreffer. Frankreich dominierte, siegte im MetLife Stadium dank eines Mbappé-Doppelpacks und eines Barcola-Treffers glatt mit 3:0.

Für eine Schrecksekunde sorgte Digne im Achtelfinale dennoch, als er in der 77. Minute vorzeitig den Platz verließ. Die Aufregung auf der Trainerbank entpuppte sich jedoch schnell als Missverständnis: Der Abwehrspieler wollte sich bei der drückenden Hitze in New York lediglich eine Erfrischung holen, was fälschlicherweise als Auswechselwunsch gedeutet wurde. Am M6-Mikrofon gab er lächelnd Entwarnung: "Es war verdammt heiß, aber das 3:0 ist großartig. Wir pushen uns gegenseitig. Wir wissen alle ganz genau, was wir hier erreichen wollen."

"Großer Bruder" im Viertelfinale gegen Deutschland-Schreck

Als Zeichen des unerschütterlichen Vertrauens wird Deschamps gegen Paraguay wohl auf dieselbe Startelf setzen. Digne wird erneut die Absicherung hinter dem Prunk-Angriff Barcola-Mbappé-Dembélé bilden, der im Zentrum von Michael Olise gefüttert wird. Der Gegner ist brandgefährlich: Die Auswahl von Gustavo Alfaro sorgte für die Sensation des Turniers, als sie Deutschland im Elfmeterschießen aus dem Wettbewerb warf – ein Debakel, das Bundestrainer Julian Nagelsmann letztlich den Job kostete.

Mit seinen 32 Jahren genießt Digne seine neue, gefestigte Rolle in vollen Zügen.

"Meine Karriere verlief nicht geradlinig, aber das tut sie im Fußball selten. Ich bin unheimlich stolz auf meinen Weg in der Nationalmannschaft. Ich habe große Turniere erlebt und ich habe welche verpasst. Umso glücklicher macht es mich, jetzt hier zu sein", erklärte er am 21. Juni.

In der Kabine ist der dienstälteste Profi des Kaders – erstmals im März 2014 nominiert – ein wichtiger Ankerfaktor. Seine Erfahrung, sein Optimismus und seine Offenheit machen ihn zur geschätzten Integrationsfigur. "Menschlich ist er ein fantastischer Typ für die Gruppe, der immer für einen Scherz gut ist. Er hat eine enorme Reife entwickelt", adelt ihn Guy Stéphan.

Digne füllt die Rolle des großen Bruders in dem stark verjüngten Team perfekt aus: "Ich versuche, den jungen Spielern nah zu sein, damit sie sich wohlfühlen." Trotz seines Veteranenstatus sei er aber "noch nicht old-school" und passt sich der Dynamik seiner explosiven Vorderleute an: "Wenn du solche Offensivwaffen vor dir hast, musst du dich manchmal mehr auf die Absicherung konzentrieren und ihnen die Freiheiten schenken." Ein reiner Defensivmann ist er deshalb aber nicht: "Es ergeben sich in jedem Spiel Räume. Am Ende entscheidet immer die jeweilige Spielsituation, wann der Außenverteidiger marschieren muss."

Zum Match-Center: Paraguay vs. Frankreich

Sollten Digne und Barcola auch gegen Paraguay überzeugen, dürfte das Dauerthema der Rotation auf Frankreichs linker Seite endgültig Geschichte sein. Für Lucas Digne wäre es mit 32 Jahren und im 60. Länderspiel das große Turniermärchen, auf das er seit 12 Jahren gewartet hat.